Im Studio: Zeugen des Verfalls

2008, der Erste

Hochgeschätzte Kunden, liebe Mitmenschen,

es ist uns eine Freude, Sie im neuen Geschäftsjahr 2008 willkommen heißen zu dürfen.
Packen Sie es mit Optimismus und Gelassenheit an, denn auch wenn die Probleme unseres Landes massiv sind, so nützen uns Miesepetrigkeit und ständige Nörgelei doch wenig auf unserem Weg zurück an die Weltspitze. Was erwartet uns denn im begonnenen Jahr?
Steigende Ölpreise, galoppierende Inflation, hochgiftiges Spielzeug aus China, illegale Einwanderung und Schmuggel wegen offener Ostgrenzen, höhere Beiträge zur Krankenversicherung, Lohndumping und Schwarzarbeit, Fahrverbote in sogenannten Umweltzonen, aussterbende Eisbären (außer in Berlin), Terror und religiös motivierte Gewalt überall, Engpässe bei Biogemüse, ein weiteres Aufklaffen der Schere zwischen Arm und Reich, Rauchverbote in allen Bundesländern und vor allem eine allzeit gewaltbereite Jugend.
Wenigstens dafür hätten wir eine Lösung, die weit über die halbherzigen Ansätze zaudernder
CSU-Politiker hinausgeht. Eine Lösung, die endlich Schluss macht mit der verfehlten Kuschelpädagogik vergangener Jahrzehnte, mit den kruden antiautoritären Ideen der 68er:
Erziehungscamps für alle Jugendlichen zwischen 15 und 25. Was spricht eigentlich gegen zehn Jahre harter Arbeit beispielsweise in Gießereien, im Straßenbau oder in der Altenpflege? Uns hat doch damals auch niemand was geschenkt.
Die Gewalttäter wären von der Straße, Lehrstellenmangel ein Phänomen der Vergangenheit, öffentliche Verkehrsmittel wieder sicher. Auch im Straßenverkehr kehrte wieder Sicherheit ein, hat doch eine Studie gezeigt, dass vor allem von Verkehrsteilnehmern bis 25 Jahren Gefahr ausgeht. Wenn der politische Wille nur da wäre, käme man schon zu einer Lösung.
Wo aber bleibt das Positive, werden Sie fragen?
Nach kurzem Nachdenken fällt uns ein: Wahrscheinlich steht uns wieder ein viel zu warmes Jahr bevor, mit früh öffnenden Freibädern, einem breiten Speiseeisangebot, gutgebauten Menschen in wenig verbergender Badekleidung, dem Laissez-faire und der Entspanntheit des Sommers ab April.

Und ganz vage besteht die Chance, dass die Kapelle Eures Herzens in diesem Jahre noch die Zeit findet, ihre zahllosen neuen Hits auf Kompaktdisk zu schmieden...
Beten wir darum.
Sicher ist, dass unsere Reisefreudigkeit nicht gelitten hat, der beiliegende Tourplan zeigt, wann ihr mit uns rechnen könnt.

Durate et vosmet rebus servate secundis!

Eure Kapelle HISS

2008, der Zweite (Mai)

Genossinnen und Genossen, liebe Kunden,

die Grillsaison hat nicht nur begonnen, sie ist bereits in vollem Gange. Landauf, landab werden Gas- und Elektrogrills auf Balkone und Terrassen geschleppt und auf versteckten Waldlichtungen meterhoch lodernde Feuer entzündet. Es entbrennen heftige Auseinandersetzungen um die besten Feuerstellen im Stadtpark, Holzkohle und Spiritus werden rar, Barbecuesoße und Senf teurer und teurer.
Der Deutsche, ohnehin zu Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck neigend, haut sich in diesen schicksalhaften Tagen noch mehr Bratwürste, Frikadellen, Schweinebäuche, -hälse und -rücken, Schnitzel und Steaks in den feisten Wanst als im naßkalten Rest des Jahres.
Gesundheitlich ist dieses Treiben schon schädlich für unser gebeuteltes Land, durch den gleichzeitig konsumierten Alkohol wird es zur Katastrophe. Besonnene Mitbürgerinnen und Mitbürger sind daher jetzt aufgerufen, überall dorthin zu gehen, wo Rauch emporsteigt und auf die Gefahren des Grillens hinzuweisen. Wer unser Vaterland liebt, der löscht die Flammen, die unter fettem Fleisch flackern.
Vielleicht zieht man sich den Zorn einiger Uneinsichtiger zu, der Dank der Nation aber ist gewiß.
Vorbildlich haben wir, die Kapelle HISS, jeglicher Verlockung widerstanden, ein lustig prasselndes Feuerchen anzuwerfen, um darüber Aas anzukokeln. Wir haben stattdessen nur rasch das Nötigste verzehrt, wenn der Hunger allzusehr zu nagen begann, dann jedoch sind wir sofort zurück ins Studio, um dort an unserer neuen CD weiterzuarbeiten.
Ja, Ihr lest recht. Wir sind zur Veröffentlichung eines neuen Werkes fest entschlossen, überstürzt werden darf ein solches Vorhaben allerdings nicht. Die Aufnahmen sind zwar erfolgreich abgeschlossen, jetzt bedürfen sie noch der Mischung. Wir wollen außerdem nicht vergessen, daß ein buntes Heftchen mit Bildern und Liedtexten gestaltet sein will, dazu müssen Fotos gemacht werden, dann kommen Druckereien und Presswerke ins Spiel ... Trotzdem scheint uns bereits der Herbst 2008 ein geeigneter Veröffentlichungstermin!
Zur Überbrückung dieser Wartezeit sei hiermit dringend anempfohlen, jenen epochalen Spielfilm anzuschauen, an dem wir im Jahre 2005 mitwirkten und den bislang nur wenige Auserwählte sehen durften. „Zur Sonne“ läuft am 3. Juni, 20 Uhr, im Delphi - Kino, Stuttgart, Tübinger Straße 12.
Kommt alle.

Cuivis dolori remedium est patientia

 

Eure Kapelle HISS

 

2008, der Dritte (September)

Hochverehrtes Publikum, meine sehr geehrten Damen und Herren, wir grüßen Sie.

Das war kein Sommer, wie Deutschland ihn verdient hätte! Die Nation, die immer noch Exportweltmeister ist, die weltweit führend ist im Mülltrennen, die nur deshalb lediglich den fünften Rang im Medaillenspiegel der vergangenen Friedensolympiade in Peking erreicht hat, weil unsere Sportler keine bis zur Hutkrempe mit anabolen Steroiden vollgepumpten Betrüger oder aufgeblasene Mannweiber sind, sondern, genau wie wir, grundehrliche, bienenfleißige aber normalgebliebene Pfundskerle.
Die Statistik sagt, er (also der Sommer) sei in allen Disziplinen Durchschnitt gewesen, er habe aufgewartet mit durchschnittlicher Sonnenscheindauer, Temperatur und Niederschlagsmenge.
Das jedoch genügt uns schon lange nicht mehr. Warten wir, die Kapelle HISS, etwa auf mit durchschnittlicher Musikalität, Spielfreude und Konzertdauer? Nein, denn wir wissen, dass unsere Klientel (also Ihr) Spitzenleistung erwartet, und das zurecht.
Der beigelegte Tourplan weist Euch den Weg zu Konzerten, bei denen Ihr diese kühne Behauptung überprüfen könnt.
Das aber ist nicht der eigentliche Grund dieses Schreibens. Vielmehr gilt es jetzt in unkontrollierten Jubel, in hemmungsloses Hosiannarufen auszubrechen, denn was keiner mehr zu hoffen gewagt hatte, was auch die unverbesserlichsten Optimisten vorherzusagen nicht mehr die Traute hatten, wird wahr:
Eine neue HISS-CD lässt sich nun kaum mehr verhindern.
„Zeugen des Verfalls“ wird sie heißen, Hit um Hit wird sie enthalten, Lieder, die ein ums andere Mal im Konzert schon erklangen und jetzt endlich den Weg auf den Tonträger fanden, aber auch unbekannte, kaum gespielte Werke. Einige Titel seien hier kurz genannt:
„Suppe“, „Raus“, „Das Rehlein“, „Männer in der Nacht“. Wen das nicht neugierig macht... Der 31. Oktober wird für viele ein Tag wie jeder andere sein, für Euch ist es der Höhepunkt im Kirchenjahr, denn siehe, dies ist der Veröffentlichungstermin.
In unserem nicht zu beherrschenden Arbeitswahn, in blindem Eifer, ungeachtet aller Marktgesetze und klugen Ratschläge unserer Geschäftspartner, hauen wir dann auch noch pünktlich zum Weihnachtsgeschäft unser großes HISS-Liederbuch „Lieder und Legenden“ raus, damit der klassisch gebildete Pianist, aber auch Hausmusikerinnen und Lagerfeuerunterhaltungsgitarristinnen endlich die guten HISS-Lieder in ihr Repertoire aufnehmen können. Ermattet sinken wir auf unsere Fauteuils, nehmen zum Hors d oeuvre noch einen Schluck Crémant, bald ist es Zeit fürs Dîner...

Sed acta ne agamus, reliqua paremus!

Eure Kapelle HISS