2005, der Erste

 

Liebe Frühlingsfreunde, liebe Allergikerinnen und Allergiker,

gut, dass Ihr uns jetzt nicht sehen könnt.
Ihr kennt uns als gut gekleidete, elegante Herren mittleren Alters voller Spannkraft und Virilität. Ihr seid es gewohnt, uns bei bester Stimmung und glänzender Laune anzutreffen. Ihr seht in uns Eure Vorbilder was gesunde Lebensführung und Willensstärke angeht.
Ihr wärt schockiert!
Abgeschlafft, laut schniefend, mit roten Augen und Nasen, gekleidet in zerschlissene Hausmäntel, übellaunig und ungeduldig, voller Hass auf die Welt und die Menschen hängen wir auf unseren Sofas herum, brüten dumpf vor uns hin, während draußen ein Balzen und Zwitschern herrscht, alles grünt und blüht, der Frühling sein blaues Band in den Wind hält, dass es eine Freude ist.
“Warum?“ werdet Ihr fragen.
“Pollenallergie“ lautet die Antwort. Die Geisel der Menschheit hat auch uns niedergestreckt. Dabei waren wir letzte Woche noch guter Dinge. Haben wir doch nach intensiven Vorbereitungen, vielen Proben, mit großem Aufwand an Personal (18 Personen) und Technik
(fünf Kameras, rund 86 Scheinwerfer, vier Mischpulte und 48,6 km Kabel, das entspricht der Strecke Stuttgart – Heilbronn) erfolgreich unser Jubiläumskonzert in der Scala zu Ludwigsburg absolviert, welches für die Ewigkeit aufgezeichnet wurde. Zufrieden hätten wir uns zurücklehnen können. Dann aber kam der Frühling mit Macht und reduzierte uns, die wir uns eben noch Heroen der Musikgeschichte wähnten, zu jämmerlichen Rotzfabriken.
Nun aber zu den guten Nachrichten: Wir machen Urlaub. Unsere Leibärzte haben uns mehrwöchige Aufenthalte in Gebieten mit niedriger Pollenbelastung verordnet. Unsere Reiseziele: Die Sonora-Wüste, die Hochalpen, die Nordseeküste, stillgelegte Salzbergwerke im schwäbischen Unterland und so weiter. Das sollte uns helfen.
Mentale Stärkung erfahren wir auch durch die Tatsache, dass endlich wieder ein Deutscher seinen Arsch auf dem heiligen Stuhl breitsitzt, auch wenn Benedikt der XVI Latein mit starkem bayerischen Akzent spricht. Bald, hoffentlich noch vor dem Ableben jenes Übergangpapstes, kommen wir zurück, um für Euch, die Ihr unser Publikum seid, das wir mehr lieben als unsere Mütter, da zu sein.

Solet sequi laus, cum viam fecit labor.

Damit schließt Eure Kapelle HISS.

 

 

 

2005, der Zweite

 

Gott zum Gruße, liebe Freundinnen und Freunde des Farbfilms,

noch vor wenigen Jahrzehnten galt der Farbfilm als Neuerung, die sich niemals durchsetzen würde, er galt als zu teuer, als zu grell, als unnatürlich. Wir als beinharte Wertkonservative und Traditionalisten haben diese Meinung geteilt, die Kinos gemieden und unsere Fernsehgeräte auf schwarz-weiß gestellt. Wir haben uns eingerichtet in diesem farblosen Dasein. Doch dann wurden wir aufs Tiefste erschüttert:
Unsere Dreharbeiten in Schiltach im Schwarzwald rüttelten uns auf und zeigten uns die Möglichkeiten dieses Mediums. Welche Farbenpracht! Unsere Kostüme, unsere Instrumente, unsere Augen, welch ein Strahlen, welch ein Leuchten, welcher Glanz! Wir waren begeistert, wir sind überzeugt.

Das war auch wichtig, verlangten uns die fünf Wochen unserer Arbeiten am Set so einiges ab. Schließlich hatten wir wichtige Rollen zu bekleiden, galt es doch, nicht nur an den Instrumenten gut auszusehen, sondern auch gemeinsam mit den Kollegen Schauspielern die Handlung voranzutreiben, zu spielen und zu sprechen. Der Film erzählt die Geschichte einiger Menschen im Hotel „Zur Sonne“. Menschen, in deren Leben der Stillstand herrscht, die erstarrt sind. So leben da unter anderen ein Schriftsteller, der nichts mehr schreibt, ein Jäger, der nichts schießt, eine Vogelkundlerin, die keine Vögel mehr sieht. Dann gerät eines Tages die Gruppe HISS in dieses Hotel. Ihre Anwesenheit, vor allem aber ihre Musik voller Lebensfreude und Zuversicht, beginnt, die Verkrustungen aufzubrechen, es kommt zu skurrilen Begegnungen, zu Annäherungen, zu Gesprächen und Tänzen.

Im Frühjahr 2006 soll „Zur Sonne“, so der bisherige Arbeitstitel, erstmals gezeigt werden.
Vorher aber, liebe Leserinnen und Leser, werdet Ihr unsere Konzert- DVD und die gleichzeitig zu veröffentlichende Live-CD in Händen halten können. So Gott will noch in diesem Jahr, dem zehnten unseres Bestehens. Es besteht also Grund zur Freude.
Mit tiefer Besorgnis hingegen schauen wir, die Kapelle Eures Herzen, auf die politische Situation in diesem unserem Heimatland. Nach dem unwürdigen Schauspiel, das zu Neuwahlen geführt hat, haben wir mit Euch gehofft, dass Stabilität, Verlässlichkeit, Reformwille, soziale Wärme, Standhaftigkeit, Augenmaß, Gerechtigkeit, Aufschwung, Vollbeschäftigung, Vorsprung in Forschung und Bildung, Toleranz und Entschiedenheit wieder Einzug in Deutschland halten, so wie wir es aus der Adenauerzeit kannten. Stattdessen unklare Verhältnisse, ein Kleben an Posten und Macht, ein Zerren und Ziehen, das uns sicher nicht weiterhilft.

Wenn Ihr endlich wieder Leistungsbereitschaft, Ehrlichkeit, Ehrgeiz und Fleiß sehen wollt, werdet Ihr zu einem HISS-Konzert kommen müssen, der umseitige Tourplan weist Euch den Weg.
Damit schließen wir, denn nullus agenti dies longus est.

Eure Kapelle HISS.