Arbeitskraft VS. Maschine
(verfasst im Januar 2006 / Eigenes Gedankengut:)
Wie uns von allen Seiten immer wieder vermittelt wird sind unter anderem zu hohe Lohnnebenkosten ein entscheidender Grund für den massiven Arbeitsplatzabbau bzw. hindern sie die Arbeitgeber daran mehr Mitarbeiter einzustellen. Auch viele Arbeitgeber stimmen da zu.
Aber was sind eigentlich Lohnnebenkosten?
Es ist Geld für Kranke, Arbeitslose, Rentner und Pflegebedürftige.
Demnach bedeutet das: Die Firmen hätten wieder mehr Arbeit für die Menschen, wenn sie den Schwächsten unserer Gesellschaft, nämlich den Kranken, den Pflegebedürftigen, den Arbeitslosen und den Rentnern weniger Geld zahlen müßten.
Das würde ja bedeuten, dass überall jede Menge Arbeitskräfte benötigt werden, aber sie sich keiner leisten kann.
Sollten die Massenentlassungen grosser Konzerne, Abfindungen und Arbeitszeitverkürzungen sowie das Ende vieler kleiner und mittlerer Betriebe tatsächlich eine Folge zu hoher Lohnnebenkosten sein?
Also ein Folge unseres Sozialsystems, das die Schwachen unserer Gesellschaft auffangen soll?
Ich meine: Nein.
Genauso wenig wie plötzlich mehr Menschen dauerhaft (!) eine Anstellung finden werden, nur weil die Regierung beschlossen hat, den Kündigungsschutz dramatisch zu reduzieren.
Wichtig ist nämlich ersteinmal die wirkliche Ursache für die hohe Zahl der Menschen ohne Arbeit zu ergründen.
Die Ursache
Die so einfache doch auch schmerzhafte Wahrheit will kaum jemand hören, geschweige denn aussprechen:
Wo keine Arbeitskraft benötigt wird, wird auch keine eingestellt.
Es werden ganz einfach immer weniger Arbeitskräfte benötigt. Die angeblich zu hohen Lohnnebenkosten oder auch der Kündigungsschutz sind nur gerne vorgeschobene Argumente, die vom eigentlichen
Problem ablenken sollen und deutlich machen, dass es vielen Politikern und den Eliten am allerwenigsten um das Wohl der arbeitenden und nicht arbeitenden Menschen geht. Es geht Ihnen einzig und
allein darum ihre Machtposition, ihren Wohlstand und ihr Vermögen zu sichern und wenn möglich weiter zu vermehren.
Eine TV-Reportage zeigte neulich die Arbeitsabläufe in einer Fabrik. Dabei kam auch eine Arbeiterin zu Wort, die bereits mehr als 20 Jahre diesem Betrieb angehört. Früher sind die verschiedenen
Teile noch von Hand in schweren Kisten von einem Montageplatz zum anderen bewegt worden, meinte sie. Heute sei das zum Glück anders. Die Maschinen, die das jetzt erledigen seien eine erhebliche
Erleichterung.
Diese Entwicklung ist natürlich hinreichend bekannt und ein gutes Beispiel für den Segen und den Fluch der fortschreitenden Technik. Maschinen erleichtern den Menschen die Arbeit, machen sie aber
gleichzeitig in immer größerem Maße überflüssig.
Wir sollten uns der Tatsache nicht verschließen, dass die Weltbevölkerung stetig wächst, während überall Arbeitsplätze eingespart werden. Die Arbeitskraft des Einzelnen ist immer weniger
wert.
Wir Menschen sind anscheinend nicht fähig uns den Veränderungen, die wir selbst bewirkt haben anzupassen. Und damit führen wir das System sicher dem Kollaps entgegen.
Das Problem
Als Folge der Globalisierung und Grundsatz unseres Wirtschaftssystems wird es für die Hersteller immer wichtiger möglichst kostengünstig zu produzieren, um am weltweiten Markt bestehen zu
können.
So wird die zu leistende Arbeit immer mehr von Maschinen übernommen. Sie sind schneller, zuverlässiger, machen keinen Urlaub, werden nicht krank (oder sagen wir mal seltener;) und arbeiten auch
Nachts und Sonntags.
Dadurch können in kürzerer Zeit wesentlich mehr Produkte erheblich günstiger produziert werden.
Am Erlös dieser Maßnahmen bereichern sich die Eliten und sorgen so dafür, dass den Menschen, denen sie keine Arbeit mehr geben wollen immer weniger Geld zur Verfügung steht.
Diese Elite zahlt bei steigenden Gewinnen auch noch immer weniger in die sozialen Kassen. Weniger Arbeiter bedeuten nämlich weniger Sozialversicherungsbeiträge.
Geld, das unserem sozialen Sicherungssystem so sehr fehlt und nun durch eine noch unsozialere Politik ausgerechnet bei denen wieder eingetrieben werden soll, die sowieso schon stark belastet sind.
Bei den Geringverdienern und den Arbeitslosen. Bei Rentnern, Kranken und Sozialhilfeempfängern. Eine Schande.
Fakten:
Die reicheren 10% der deutschen Bevölkerung besitzen mehr als 61% des Vermögens.
Das reichste 1% der deutschen Bevölkerung besitzt 23% des Vermögens. Das sind 1,5 Billionen Euro (=1500 Milliarden Euro).
23% der deutschen Bevölkerung besitzen Nichts oder sind verschuldet.
(Quelle: Rede v. Gregor Gysi)
Aber nirgendwo steht geschrieben, dass es so weitergehen muß.
Wir haben es selbst in der Hand. Das erfordert allerdings ein Umdenken und beginnt schon damit, dass wir begreifen und endlich akzeptieren müssen, dass es in Zukunft nun einmal immer mehr
Menschen geben wird, für die wir keine Arbeit haben, die also ohne Arbeit sind. Arbeit zu haben ist nichts selbstverständliches mehr.
Wie sollen wir nun damit umgehen?
Soll sich jeder selbst der Nächste sein und sich um seine eigenen Dinge kümmern?
Oder wollen wir lieber eine große Gemeinschaft sein, in der sich alle die Früchte des Fortschritts teilen?
Das verlangt allerdings auch nach Einsehen bei denen, die bisher vom technologischen Fortschritt am meisten profitiert haben und von den scheinbar zwangsläufigen Nebenwirkungen wie Arbeitslosigkeit und sozialem Elend nicht betroffen sind.
Das Ungleichgewicht
Die oberen Zehntausend, die mit Geld und Macht Politik und Wirtschaft lenken, lassen sich natürlich nicht gern in die prallen Taschen greifen.
Doch genau das wäre der richtige Ansatz. Von den satten Gewinnen und den Mega-Gehältern die eingefahren werden, muß dringend ein größerer Teil zurückfließen an diejenigen, die konsumieren sollen.
Denn darauf beruht unser System: Konsum!
Das System funktioniert nur, wenn es einen intakten Kreislauf gibt (Grafik).
[Hinweis: Mehr zum Thema Geld und Geldkreislauf lest ihr unter "Fluch des Geldes"]
Dieser Kreislauf des Geldes ist aber zur Zeit nicht mehr intakt.
Die Reichen werden reicher und die Armen immer ärmer.
Und durch die geringere Kaufkraft des Volkes wird es in Zukunft immer mehr kleine und mittlere Betriebe geben (auch in der Dienstleistungsbranche) die der stagnierenden Nachfrage nicht mehr gewachsen sind und den Laden dicht machen müssen.
Ich habe wenig Hoffnung dass wir Menschen es packen werden, diese Entwicklung aufzuhalten.
Zu egoistisch ist jeder Einzelne von uns. Und zu egoistisch, machthungrig und einflußreich sind die Eliten weltweit.
Die große Koalition, die wir doch alle gewollt haben (?), geht einen falschen Weg. Nach dem "Teuro", der auch wirklich seinen Kosenamen verdient hat und die gegenwärtige Situation noch
verschärft, wird nun die Mehrwertsteuer erhöht. Der Bürger wird das Signal verstehen und noch weniger konsumieren (können). Auf diese Weise Staatsschulden abbauen zu wollen ändert
leider überhaupt nichts an den Ursachen, die für unser kränkelndes System verantwortlich sind.
Die Koalition hat (meiner Meinung nach) keine wirksamen neuen Ansätze und darf sich setzen. Sechs!
Somit wird unsere Wirtschaft weiter ausgebremst, die eigentlichen Probleme werden konsequent ignoriert und ich frage mich für wen denn nun immer mehr Konsumgüter mit noch weniger Arbeitern
produziert werden?
Der Wirtschaft gehen langsam die zahlungskräftigen Käufer aus!
Lösungen?
Ich bin kein Wirtschaftsexperte und sehe die Dinge bestimmt einfacher als sie sind. Aber ich kann auch als Laie erkennen, wenn etwas völlig falsch läuft. Und das ist leider der Fall.
Eigentlich müßten wir uns weltweit ein neues, völlig anderes System überlegen, dass den neuen Gegebenheiten angepasst ist. Aber ein weltweit funktionierendes demokratisches, soziales System zu
schaffen ist ziemlich unrealistisch.
Darum bieten sich als erste Schritte in die richtige Richtung folgende Maßnahmen an. Man muß ja mal einen Anfang machen und sollte nichts überstürzen.
- Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Trotz der bekannten Finanzprobleme hat man seit Kohl den Spitzensteuersatz der Einkommen von 53% (1998) auf nur 42% (2005) gesenkt. Ein Absurdum, dass nur durch den Einfluß der Wirtschaft auf die Politik zu erklären ist. Besserverdienende können und müssen wieder mehr zum Sozialstaat beitragen.
- Weniger lange Arbeitszeiten. Die noch verfügbare Arbeit muß anders verteilt werden. Die Einführung einer 4-Tage-Woche würde Arbeitsplätze schaffen. Es gäbe weniger Arbeitslose, gleichzeitig mehr Beitragszahler in die Sozialversicherung.
Das sind nur mal zwei Punkte die mir einfallen.
[Ergänzung März 2010: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens scheint mir viel Potenzial für eine funktionierende, gerechtere Zukunft zu beinhalten]
Da gibt es Leute, die haben wesentlich mehr Durchblick als ich und die werden auch von unserer Regierung dafür bezahlt. Mit deren Wissen und dem Willen zu einem mutigen Schritt in die richtige Richtung könnten wir sicher vieles zum Guten wenden.
Die Realität
Die Wirklichkeit jedoch zeigt mir, dass keiner der Mächtigen aus Politik und Wirtschaft wirklich an einem intakten Sozialsystem interessiert ist. Die Wirtschaftsweisen werden ignoriert.
Die Spitzensteuersätze für Besserverdienende werden gesenkt, die Unternehmenssteuer wird gesenkt und es wird keine Vermögenssteuer eingeführt. Man vermeidet peinlichst eine Mehrbelastung derer,
die genug hätten um mehr abzugeben. Dafür wird bei den Schwachen gekürzt. Bei den Rentnern, den Arbeitslosen, den Kranken und Pflegebedürftigen. Das ist unsozial !
Und obwohl das alles schon lange bekannt ist, gibt es immer noch Bürgerinnen und Bürger, die die dafür Verantwortlichen wählen.
Aber immerhin gab es im September 2005 ein kleines Signal. Sowohl CDU/CSU als auch die SPD mußten deutliche Verluste hinnehmen. Heimlicher Gewinner war neben der FDP vor allem DieLinke, die sich ganz klar dem Kampf für die sozial Schwachen verschrieben haben... Eine möglicherweise gute Wahl, aber sicher noch lange nicht die Lösung unserer Probleme.
Wer bis zum Schluß durchgelesen hat sollte ein wenig Interesse an dem Thema haben. Ich empfehle unbedingt die Lektüre dieser Bücher:
"Das Ende der Arbeit" von Jeremy Rifkin.
"Börsenkrach und Weltwirtschaftskrise" von Günter Hannich.
(Der Text und die Grafiken geben einzig und allein meine persönliche Meinung wieder. Natürlich kann hier nicht jeder Gesichtspunkt Erwähnung finden. Der Text ist auch so schon zu lang. Aber vielleicht gibt er den einen oder anderen Denkanstoß. Würde mich freuen! derherwig)
